Gibt es einen Alltag beim Weitwandern?

Ja, das tägliche Leben beim Weitwandern auf dem CDT wird nach einigen Wochen zum normalen Alltag. Wenn das tägliche Leben auf einer Fernwanderung zum Alltag wird, lebt man schon eine ganze Weile auf einem Trail.

Hast Du Dir schon einmal Gedanken gemacht…

…wie sich ein Alltag beim Weitwandern anfühlt? Oder überlegst Du sogar selber eine Fernwanderung zu machen? Das tägliche Leben beim Weitwandern hat ebenso Routinen wie ein normaler Alltag zuhause. 

Mein Handy Alarm

Er spielt “Vandraren – der Wanderer” vom schwedischen Artisten Nordman… 5.30 Uhr morgens. Ich wache auf und höre den den Regen auf das Zeltdach prasseln. Draussen war es noch dunkel. Das Aussenzelt ist schlaf, durchnässt vom stundenlangen Regen. Meine Nase ist eisig kalt und der Schlafsack um mein Gesicht leicht feucht. 

Guten Morgen

Ich wünschte mir jetzt nichts sehnlicher als einen warmen Kaffee ans Bett serviert… aber nein… erst muss ich meine Verpflegung aus den Bäumen zurückholen. Da ich mich im Bärengebiet aufhielt, musste ich abends alles was riecht weg vom Zelt sicher in die Bäume hängen. Ich begann meine Bären Hymne zu singen. Denn ich wollte vermeiden einen Teddy zu überraschen wenn ich das Essen holte. 

Nachdem ich mein Telefon an die Powerbank gesteckt hatte schälte mich aus dem Schlafsack. Meine viel zu grosse Frog Tog Regenhose lag von gestern noch nass im Vorzelt. Etwas angeekelt schlüpfte ich rein, setze meine Stirnlampe auf und kroch aus dem Zelt. 

Mein Magen knurrte und mein Hirn schrie nach Kaffee. Oh wie ich mich zurück sehnte ins bärensichere Land. Dort konnte ich den Kaffee und das Frühstück direkt aus dem Schlafsack geniessen! 

Meine Verdauung

Ich pinkelte unter den Proviant Baum und nahm meine Futtersäcke runter. Nummer zwei war noch nicht bereit. Das tägliche Leben auf einer Fernwanderung brachte meine Verdauung etwas durcheinander. Wenn sich mein dunkles Geschäft angemeldet hatte, musste ich direkt reagieren, um ein Unglück zu verhindern.

Die beiden Essbeutel geschultert erreichte ich mein Zelt. Ich liess sie im Vorzelt stehen, da sie auch total nass waren. Mit den schmutzigen Schuhen noch draussen setzte ich mich auf meine Liegematte im Zelt und zog das nasse Regenzeug wieder aus.

Ich konnte es aber nicht verhindern, dass alles immer nasser wurde. In Dauerregen ist das tägliche Leben beim Weitwandern nass. Die täglichen Routinen müssen auch angepasst werden, um nicht direkt durchnässt zu sein. 

Endlich Kaffee

Zurück in meinem Schlafsack setzte ich Wasser auf für meinen Kaffee auf und rüstete das Essen für den heutigen Tag. Haferflocken mit getrockneten Cranberries zum Frühstück. Ein Riegel oder eine Portion Nüsse pro 6 km. 3 Tortillas mit Peanutbutter beschmiert zum Lunch. Eine halbe Tüte Kartoffelbrei und Tunfisch zum Nachtessen. Ein Paket Ramen Nudeln zum Notfall und zur Nachspeise ein Handvoll M&Ms. 

Einen Teil des Kaffeewassers schüttete ich über die Haferflocken und in den Rest gab ich Nescafe Pulver. Endlich duftete es herrlich nach Kaffee! Ich genoss das braune Lebenselixier während ich mich meiner Schlafklamotten entledigte und die stinkenden Wanderkleider anzog. 

Gut, dass ich diesen Geruch gar nicht mehr richtig wahr nahm. Der gehörte zu mir, wie Zehen einem Fuss. Im Gegenteil, wenn ich frisch geduscht und mit gewaschenen Kleidern aus einem Resupply Stop loszog, fühlte ich mich auf den ersten paar Meilen etwas fremd auf dem Trail. Der Alltag beim Weitwandern stinkt.

Mein Kaffee war alle und die Haferflocken aufgequollen. Ich löffelte den Brei widerwillig runter. Nein, definitiv kein Genuss, aber Kalorien und Energie. Das tägliche Leben auf einer Fernwanderung war definitiv kein kulinarischer Höhepunkt.

Mit etwas kaltem Wasser spülte ich den Becher grob aus und verstaute ihn in meinen Proviantsack. Ich spülte ihn nur wenn es wirklich nötig war, je nach Wasserversorgung. 

Der nasse Alltag

Weil es regnete packte ich meinen Rucksack komplett fertig im Zelt. Bei trockenem Wetter wäre es einfacher draussen. Ich stellte den regenfesten Rucksack vors Zelt, schlüpfte in meine Regenklamotten und kroch aus dem Zelt.

Um noch mehr Nässe zu vermeiden packte ich das Zelt eilig zusammen. Ich separierte das Innen- und Aussenzelt und stopfte diese separat in eine Plastiktüte. Rasch zog ich mein wärmendes Puffy unter der Regenjacke aus, stopfte es in den Rucksack und packte die beiden Zelt Tüten oben drauf.

Mittlerweile war es 6.30. Bei besserem Wetter schaffte ich meine morgendlichen Routinen schneller, in ca. 40 Minuten. Ärgerlich suchte ich eine Weile meine Trekkingstöcke, die ich abends nicht an den gewohnten Ort legte und zog los… 

Routinen und Ordnung

Weitwandern als Alltag verlangt wie ein gewöhnlicher Alltag Routinen und Ordnung, die den Ablauf vereinfachen. Da der Rucksack sehr klein und unübersichtlich ist, ist es wichtig, dass alles immer denselben Platz hat. Ebenso Stöcke…

Die ersten beiden Wanderstunden waren immer die einfachsten. Die Beine waren noch frisch und der Hiker Hunger noch nicht aufgewacht. So konnte ich oft eine bis zwei Meilen weiter wandern, bevor ich den ersten Snack essen musste.

Meistens verzehrte ich snacks gehend, jedoch nie während beim ersten. Ich stoppte wenn möglich bei einer Wasserquelle um gleichzeitig noch meine Behälter aufzufüllen, Zähne zu putzen und meine Kleidung anzupassen. 

Meine Routinen während dem Gehen

Und weiter ging’s… Trinken, Filmen, Fotografieren, Routenkontrolle, Genießen und Denken. Näherte ich mich einem Resupply Stop (Stops, wo ich Waschen, Duschen und Vorräte kaufen konnte) plante ich auch meine Aufgaben. Ich notierte diese in Google keep und studierte die kommende Haltestelle in meinem Wanderapp (Guthook). Um zu erfahren, wo ich was effektiv erledigen konnte. 

Ja, auch Denken wurde zur Routine im Alltag beim Weitwandern. Oft ungewollt arbeitete mein Hirn auf Hochtouren. Viele Trail relatierte Gedanken, wie, wann, was und wo wohl auf den kommenden Meilen auf mich warten wird. Oder warum und wie ich etwas machte in zurückgelegten Meilen. Gedanken zur Optimierung meiner Routinen liebte ich. Wie kann ich alles noch effektiver machen?

Auch Gedanken zu meiner Persönlichkeit waren ein konstanter Begleiter beim Weitwandern als Alltag. Ich lernte mich trotz meinen gut 50 Jahren neu kennen. Nicht physisch aber mental. Diese Erkenntnisse zu akzeptieren war eine Herausforderung. 

Stoppen für Verpflegung und Notweniges

Ich wollte Resupply Stops effektiv und schnell hinter mich bringen. Aufgrund von Zeitdruck in erster Linie, aber auch weil ich diese Stopps nicht mochte . Der plötzliche “Weltenwechsel” unterbrach das tägliche Leben auf einer Fernwanderung. 

Zeitdruck hatte ich, weil ich erst am 7. Mai an der mexikanischen Grenze gestartet war und vor dem ersten Schnee in Kanada ankommen wollte. So plante ich den “Zieleinlauf” für spätestens 15. September. Für die totale Distanz von 4600 km ergab sich ein Tagesdurchschnitt von 36 km. Dabei waren Resupply Stopps eingerechnet. 

Die Pausen

Die zwei nächsten Snacks nahm ich gehend zu mir. Aber beim Lunch gönnte ich mir eine ganze Stunde Pause. Natürlich nur, wenn es nicht regnete. Also nicht heute. Ich verzehrte meine Tortillas mit Peanutbutter gehend. 

Bei trockenem Wetter setze ich mich beim Lunch auf mein Liegematte, zog Schuhe und Strümpfe aus und kochte mir noch einen weiteren Kaffee. Ich editierte an meiner nächsten Video episode und steckte mir grob das Tagesziel. 

Nach dem Lunch war das Wandern auch einfach, da der Magen ein bisschen voller war als nach den Snacks. Im späteren Nachmittag, vor dem Nachtessen, wurde es zäh. Mein konstanter Hunger liess meine Energie mit jeder Meile sinken. Fernwandern als Alltag bedeutet 24 Stunden hungrig zu sein. 

Nach dem gehenden Verschlingen meines letzten Snacks plante ich meinen Stop zum Nachtessen (im bärenland immer ein paar Meilen vor dem Nachtlager). Ich versuchte auch, einen geeigneten Zeltplatz auszuhecken. Mit der Dunkelheit als Deadline im Hinterkopf. Ich hasste Nachtwandern, und vor Allem im Bärengebiet machte ich dies nur in äussersten Notfällen. 

Je nach Anzahl bereits zurückgelegter Meilen wurde mein Abendessen Stop kürzer oder länger. Oft super kurz, da ich mein Ziel erreichen wollte. Denn eine Meile mehr oder weniger pro Tag bedeutet auf vier Wandermonate 180 km oder 5-7 Tage.

Ich kochte Wasser auf, schüttete das Kartoffelbreipulver rein und liess es ein paar Sekunden quellen. Darum liebte ich diese Idaho potatoes auf dem Trail, die waren schnell klar. 

War ich extrem hungrig, mischte ich ein halbes Paket Ramen Nudeln rein und fertig war mein Ramenbamen… ein sehr sättigendes Menu. Dazu löffelte ich den Tunfisch aus dem Beutel. 

Nach dem Essen putzte ich meine Zähne und bereitete die Säcke für die Bäume vor. Beim Erreichen des Camps wollte ich kein Essen mehr hantieren in der Nähe meines Zeltes. 

Die letzten Meilen vor Camp

Auf den letzten Meilen vor dem Camp füllte ich an einer Wasserstelle alle meine Behälter auf. Denn aus diversen Gründen zeltete ich selten in der Nähe von Wasser.

Die Dämmerung holte mich wieder vor dem Nachtlager ein. Mittlerweile war es 20.30 Uhr. Endlich angekommen suchte ich einen geeigneten Baum für mein Essen, stellte mein Zelt auf und kroch rein. Geschafft, gerade noch konnte ich alles ohne Kopflampe erledigen. Ich zog meine stinkende Kleidung aus und schlüpfte in meinen Schlafsack. 

Die Schlafsack Routinen

Im Telefon notierte ich die genaue Tagesdistanz und verschaffte mir einen ersten Überblick zum kommenden Tag. Keine genaue Planung, ich wollte jedoch wissen, wo und wie ich an Wasser kommen würde. Das tägliche Leben auf einer Fernwanderung ist zeitlich stark gesteuert von Wasserstellen. 

Als letztes editierte ich die Videoclips des Tages. Nur durch laufendes Verarbeiten konnte ich meine neue Episode beim kommenden Resupply stop direkt hochladen. Denn je nach Internetzugang dauerte ein Upload ewig. 

Mittlerweile war es 22.00. 14 Stunden wandern und eine Stunde Video editieren reichten mir auch heute, um müde und zufrieden sofort einzuschlafen. Das tägliche Leben auf einer Fernwanderung erlaubte mir immer einen gesunden Schlaf. 

Der Alltag beim Weitwandern wird zu einer Routine 

Jedoch zu einer sehr befriedigenden Routine. Man kümmert sich nur um die Grundbedürfnisse des Lebens. Eine Aufgabe, die uns Menschen mit Zufriedenheit erfüllt. Essen, Trinken, Wärme, Schlafen und Bewegen… Mehr brauchen wir nicht zum Überleben. 

Dadurch wird der Wiedereinstieg in den normalen Alltag oft schwierig. Mich wieder um alles Unnötige und Unwichtige kümmern zu müssen, liess mich nach meiner ersten Fernwanderung auf dem PCT in eine Post-Trail Depression fallen. Wochen- ja monatelang vermisste ich mein Weitwandern als Alltag. 

Kanada und das Ende des CDT´s kamen täglich näher

Der Gedanke, das Ziel zu erreichen, erfüllte mich mit Glück und Angst gleichzeitig. Ich wollte raschmöglichst hin und wollte gar nicht hin… was kommt danach? Werde ich an einer Post Trail Depression leiden wie nach dem PCT?

Ich hoffe, Du kannst Dir nun etwas unter einem Alltag beim Weitwandern vorstellen. Bist Du auch bereit für eine solche erfüllende Mission? 

Es ist ein täglich sich wiederholendes und erfüllendes Abenteuer. Immer mit einem grossen Ziel im Auge. Auf einem langen Thru-Hike (in einer Saison, den gesamten Trail gehen) ohne Zeit für Ablenkungen aber mit viel Zeit zum Nachdenken. 

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